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"Wege zum Geraderichten" Ein Artikel aus dem Pferdemagazin Passion 4/2018 erschienen am 07.11.2018

February 1, 2019

 

 

In 30 Jahren Berufserfahrung als Ausbilder von Pferd und Reiter/in, hat die Bedeutung des Geraderichtens einen hohen Stellenwert in meiner täglichen Arbeit eingenommen. Zu sehen, wie sich ein geradegerichtetes Pferd in seiner Rittigkeit, Bewegung, Ausstrahlung und Gesundheit verändert, ist eindrücklich und bestätigt die Wichtigkeit dieser Arbeit. Sie ist für mich, auf der physischen Ebene, zum Herzstück in der Ausbildung geworden.

 

 

 

 

 

Die Liste der negativen Auswirkungen einer nicht beachteten oder falsch „korrigierten“ Schiefe ist lang. Sie reicht von Bewegungs- und Leistungseinschränkungen durch Verspannungen, über Wiedersetzlichkeiten durch Überforderung, Zügellahmheit, bis hin zu Lahmheiten durch Schädigungen am Bewegungsapparat wie Strahlbeinentzündungen, Arthrose, Spat etc.

 

 

WESHALB SCHIEF?

 

Die natürliche Schiefe -es gibt auch die angerittene- dient dem Fohlen in der Wildnis wie ein Kompass. Wird es von der Herde getrennt, bewirkt der Drall, welcher der Schiefe innewohnt, dass das Jungpferd in einem Kreisbogen zu seiner Herde zurückfindet. Wäre es in sich gerade, würde es sich womöglich immer weiter von der Herde entfernen, was seinen Tod bedeuten könnte.

 

Was für das Wildpferd eine Überlebenshilfe ist, wird für den/die Reiter/in zu einer täglichen, spannenden und anspruchsvollen Aufgabe und Herausforderung. Denn es geht darum, ein seit Geburt verankertes Bewegungsmuster aufzuweichen und dem Pferd neue Bewegungsmöglichkeiten anzubieten. Einseitigkeit wird reduziert, Gleichmässigkeit gefördert.

Dies führt zu mehr Gewandtheit, Kraft und Geschmeidigkeit, was letztendlich seiner Gesundgeit als Reitpferd zu Gute kommt.

 

 

Wie kann ich mir die Schiefe eines rechts hohlen Pferdes vorstellen?

 

 

Stellen Sie sich vor, dass von beiden Mundwinkeln des Pferdes zwei Gummibänder zu seinen Sitzbeinen gespannt sind. Das Band auf der rechten, hohlen Seite ist verkürzt und das auf der linken Seite überdehnt.

 

Das Ziel ist es nun, beide Bänder, durch sinnvolle und achtsame Gymnastizierung, zu einer möglichst gleichmässigen Elastizität zu führen.

 

Anmerkung: Diese zwei Gummibänder sind auch mit dem langen Nackenband zu vergleichen.

 

Diese gleichmässige körperliche Elastizität (Geschmeidigkeit) ist eine von zwei Voraussetzungen zum Geraderichten. Ich erarbeite sie vorwiegend über Gymnastizierung am Boden. Dazu später mehr.

 

 

Erkennungsmerkmale beim rechts hohlen Pferd

 

  1.  

  2.  

  3.  

 

1. Die Kopf-, Schulter-, Rumpf- und Hüftachsen stehen nicht parallel  

    zueinander, dadurch geht die linke Schulter der rechten „voraus“ und die

    linke Hinterhand ist der rechten etwas „zurück“ versetzt.

2. Die äussere linke Schulter ist mehr bemuskelt, da ihr die Hinterhand mehr

    Last zuschiebt

3. Das äussere, linke Hinterbein ist mehr bemuskelt, da es eher mittig zur

    Vorhand steht und mehr schiebt. Es ist aber auch steifer.

4. Das innere, rechte Hinterbein tritt zwar mehr vor und ist beugsamer,

    dadurch dass es an der Last vorbeitritt, jedoch schwächer und weniger

    bemuskelt.

 

MERKMALE EINES RECHTS HOHLEN PFERDES AUF DEM ZIRKEL

 

Auf rechte Hand:

  • Kopf-Hals eher nach innen gestellt (scheinbar korrekte Biegeung)

  • Driftet über die äussere Schulter nach Aussen weg

  • Die Hinterhand ist leicht nach innen versetzt (Travers)

 

Auf linke Hand

  • Kopf-Hals eher nach aussen gestellt (Konter-Biegung)

  • Drängt über die innere Schulter in den Zirkel

  • Hinterhand driftet eher nach aussen weg (Renvers)

 

Für ein rechts hohles Pferd bedeutet das linke Vorderbein und die Schulter Sicherheit. Seit dem Fohlenalter geht diese Schulter der rechten leicht voraus und hat sich dadurch stärker entwickelt. Wie schon erwähnt, erhält sie auch mehr Last zugeschoben. Man spricht deshalb auch von einem „Linkshänder“.

 

 

GESCHMEIDIGKEIT DURCH BODENARBEIT

 

Da Jungpferde in der Regel noch beweglicher sind als ältere, macht es Sinn, schon in diesem Lebensabschnitt mit ihnen spielerische Übungen, die das Geraderichten unterstützen, zu praktizieren. Dies geschieht vorwiegend in der Bodenarbeit.

 

Das Bild mit den zwei Gummibändern, das innere verkürzt und spröde – das äussere verlängert und dehnbar, kann uns eine Orientierungshilfe sein um zu erkennen, welche Übungen und Lektionen, vorwiegend Seitengänge, in welche Richtung Sinn machen.

 

 

Grundsätzlich können wir davon ausgehen, dass alle Seitengänge nach rechts -bei einem rechts hohlen Pferd- sinnvoll sind.

 

Durch leichte Linksbiegung und das richtige Verhältnis des Vorwärts-Seitwärts, bekomme ich Zugang zur linken, zurückgestellten Hinterhand. Sie zum Vor- und Untertreten zu bringen ist eine Schlüsselstelle beim Geraderichten von hinten nach vorne!

 

Dieses Vorgehen muss mit viel Fingerspitzengefühl praktiziert werden, damit das Pferd körperlich, -wie emotional-, nicht überfordert wird. Wenn dies geschieht wird es mit Verspannungen reagieren und die Arbeit verliert an Wert. Zeigt das Pferd während dieser Arbeit jedoch immer mehr innere wie äussere Losgelassenheit, ist dies Zeichen für gute Arbeit.

 

 

 

LONGIEREN AM KAPPZAUM

 

Hat das Pferd durch die Bodenarbeit ein erstes Mass an Geschmeidigkeit erlangt und ist mit feinen, seitwärtstreibenden Hilfen (Handrücken oder Gerte) auf beiden Seiten vertraut, können wir damit beginnen, dass wir nahe am Pferd und auf Kopf-Halshöhe, mit ihm mitlaufen.

 

Erst im Schritt, und dann auch im ruhigen Trab, beginnen wir nun mit Zirkelvergrössern (besonders auf linke Hand) und Zirkelverkleinern (besonders auf rechte Hand) und Übergängen.

 

 

 

Findet das Pferd auf beiden Händen Takt und Losgelassenheit und schwingt im Rücken, ist es Zeit, die Distanz zwischen uns und dem Pferd auf ca. 3-5 Meter zu vergrössern.

 

Sind wir und das Pferd mit dieser Art des Longierens vertraut, bekommen Gassen- und Stangentraining eine neue Bedeutung.

 

 

HANDARBEIT UND DOPPELLONGE

 

Auch hier ist für mich das Geraderichten omnipräsent. Dadurch das ich zwei „Zügel“ zur Verfügung habe, kann ich auf Haltung, Biegung und Balance deutlich differenzierter Einfluss nehmen. Das Ziel, die seitlichen Körperhälften in ihrer Geschmeidigkeit einander anzugleichen (Gummibänder), die Kopf-, Schulter-, Rumpf- und Hüftachsen parallel zueinander auszurichten und das Gewicht gleichmässig auf die 4 Beine zu verteilen, bleibt das selbe.

 

Jedes Pferd hat seine individuellen Themen und Wesenszüge. Sie bestimmen letztendlich das Vorgehen und den Grad der Gymnastizierung.

 

 

 

 

 

UNTER DEM SATTEL

 

Das eigentliche Geraderichten findet unter dem Sattel statt.

Erst hier habe ich alle Einwirkungsmöglichkeiten zur Verfügung, um die zweite Voraussetzung zu schaffen, nämlich: Das gezielte Lenken der Kräfte aus der Hinterhand (Wir erinnern uns, die erste Voraussetzung ist: Geschmeidigkeit).

 

 

Wie fühlt sich ein rechts hohles Pferd unter dem Sattel an?

  • Der rechte Zügel ist leicht und hängt oft durch (weil er vom Pferd nicht angenommen wird)

  • Der linke Zügel ist eher schwer und überspannt (weil sich das Pferd dort eine Stütze sucht)

  • Das rechte Gesäss sitzt tiefer, während das linke angehoben wird

  • Das rechte Bein ist lang, während das linke verkürzt erscheint (und den Bügel verliert)

  • Die linke Hüfte knickt ein

  • Die rechte Wade muss sich um den Rippenkontakt bemühen, der linken fällt er leicht

 

Im Unterricht arbeite ich oft mit dem Bild, dass die Reiterin/der Reiter auf einem grossen Ball sitzt, der ständig nach links wegzurollen scheint.

 

Dieses Bild kann helfen, ein Gefühl und Verständnis dafür zu bekommen, was nun im Sattel zu tun ist. Nämlich, diesen Ball schlussendlich(!) zentriert und mittig unter den Körper und Schwerpunkt der Reiterin/des Reiters zu bringen. Erst jetzt können die Kräfte der Hinterhand gleichmässig durch beide Körperhälften des Pferdes fliessen und jetzt ist ein ausgewogener Zügelkontakt, ein Anheben des Rückens und horizontales Gleichgewicht möglich.

 

WIE GEHT DAS?

 

Weg 1 - VON AUSSEN NACH INNEN

 

Der Fokus liegt hier auf dem „Lösen des Druckes“ am äusseren (linken) Zügel.

Dem Pferd wird „beigebracht (!)“, diesen Zügel als Stütze zu meiden. Dieser Weg ist heikel und birgt einige Gefahren:

  • Dadurch dass es lernt den linken Zügel zu meiden, -und nach wie vor an den rechten Zügel herantritt-, lernt es, dem Zügel zu gehen.

 

  • Wird mit zu viel Einsatz am linken Zügel, Schenkel und Sporen gearbeitet, gerät das Pferd emotional unter Druck und wird mit Verspannung und, je nach Pferd, auch mit Wiedersetzlichkeit reagieren.

 

  • Ein weiteres Nebenprodukt dieses Weges kann ein Verwerfen im Genick sein. Das Pferd sucht hierbei, durch verschieben des Unterkiefers, einen Ausweg aus dem (Über-) Druck auf der linken Lade.

 

  • Eine Fixierung auf den linken Zügel verhindert zudem, dass das linke Hinterbein mehr vor- und untertreten kann, was aber eine Voraussetzung für das Geraderichten ist.

 

Ob ein echtes Umwandeln des angeborenen Bewegungsverhaltens auf diesem Wege erreicht werden kann, ist für mich fraglich.

 

 

 

Weg 2 - VON INNEN NACH AUSSEN

 

Hier ist der Fokus auf dem Suchen und Annehmen des rechten, hohlen Zügels durch das Pferd gelegt!

Wenn dies geschieht, löst sich der Druck am linken Zügel auf natürliche Weise und er wird zum neuen inneren Zügel, und aus dem ehemals rechten, hohlen Zügel, wird der neue äussere, angenommene Zügel.

 

Der Ball unter der Reiterin/dem Reiter hat nun „die Seite“ gewechselt. Nun ist der Weg für das linke Hinterbein vermehrt vor- und unterzutreten, frei geworden. Das linke Hinterbein kann nun den neuen, äusseren Zügel mit „Energie“ versorgen. Dies ist der Zeitpunkt, wo das Pferd von innen heraus ein neues Bewegungsverhalten erlernt!

 

 

Um diesen „Seitenwechsel“ des Balls –ohne linken Zügel!- zu erlernen, lasse ich Anfangs ganze Bahn auf linke Hand, nur am rechten Zügel reiten. Gelingt es, das Pferd so in die Gerade zu bringen, kommen Zirkel und Volten nach links, dann Zirkelvergrössern, Schenkelweichen, Wendung um die Vorhand und Konterschulterherein nach rechts, hinzu. Gelingt dies, wird der linke (neue innere Zügel) wieder in Kontakt gebracht und plötzlich fällt Stellen und Biegen nach links ganz leicht.

 

 

In der Anfangsphase kann diese Art zu reiten ein mehr oder weniger starkes „Erdbeben“ bei der Reiterin/dem Reiter auslösen, weil vorübergehend, kein innerer Zügel mehr zur Verfügung steht. Doch genau dies bietet eine grosse Chance, sein reiterliches Können auf das nächste Level zu heben!

 

Durch das Reiten an einem Zügel, rücken das Sitzzentrum, das Bein und der Bügeltritt wieder in den Vordergrund der Hilfengebung. Gleichzeitig erhält das Pferd die Gelegenheit, sein verlorengegangenes Vertrauen in die linke Hand, wieder zu finden.

 

Dieser Weg fordert Geduld, Disziplin und ein hohes Mass an Bereitschaft, in gewisser Weise neu reiten zu lernen. Doch schlussendlich ist es ein sehr lohnenswerter und lehrreicher Weg für uns - und unsere Pferde!

 

 

 

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