Die perfekte Hand - Im Auge des Zyklon (Soeben im Passion Nr.1/2021 erschienen)




Es ist nicht ratsam die Hand ins Zentrum der Kommunikation mit dem Pferd zu stellen, denn dies ist für so manches Problem das beim Reiten entsteht, die Ursache. Zugleich aber kann genau sie das Zünglein an der Waage und das Tüpfelchen auf dem i sein!



Wie auch die Beine, sollten auch die Hände lediglich dem Sitzzentrum dienen, es unterstützen, aber keinesfalls dominieren. Die Hand hat, wenn mit Gebiss geritten, Zugang zu einem der sensibelsten Bereiche am Pferd, und die Kräfte die wir über Zügel und Gebiss/Kandare zur Verfügung haben, sind enorm! Deshalb sollte im Unterricht und in der Ausbildung des Freizeit-, Amateur- und Berufsreiters, besondere Aufmerksamkeit auf die Schulung einer "sitzunabhängigen und freundlichen Hand" gelegt werden.



Hat das Pferd gelernt unserer Hand zu vertrauen und keine Grobheiten durch sie befürchten zu müssen, bietet uns genau diese Sensibilität die Möglichkeit, für einen feinen Dialog zwischen Reiterhand und Pferdemaul.



Erst einer Hand die gelernt hat still, gefühlvoll und unabhängig zu sein, kann sich das Pferd –auch innerlich- hingeben und loslassen. Umgekehrt ist nur ein losgelassenes Pferd in der Lage, eine feine Hand und deren Signale zu „hören“, zu verstehen und darauf zu reagieren.



Anmerkung:

Wie bei den Beinhilfen, so sind auch bei den Zügelhilfen die Zwischenräume zwischen zwei „Aktionen“ dazu da, das Pferd antworten zu lassen und sich wieder neu zu sensibilisieren. Ein permanentes „Vollquasseln“ des Pferdes mit unseren Einwirkungsmöglichkeiten (ob bewusst oder unbewusst), macht sie taub, sprachlos und dumpf. Dazu zähle ich auch „Abspielen“, „links-rechts ablösen“, „Vibrieren“, „Klingeln“, . . . .





4 Grundvoraussetzungen für eine feine Hand?


Du hast gelernt dein Gleichgewicht im Sattel zu finden und es zu halten

Solange die Hand beim Gleichgewichtfinden noch helfen muss, ist sie noch nicht bereit für ihre eigentlichen Aufgaben und Möglichkeiten.



Dein Bewegungszentrum ist geschmeidig und vernetzt

Steifheit oder Instabilität in diesen Bereichen erschweren oder verunmöglichen das Eingehen in die Bewegung des Pferdes. Die Hand wird kompensieren müssen.


Deine Zügelhand ist mit deinem Sitzzentrum verbunden

Diese Verbindung ist es, die die Hand stabilisiert und zur Ruhe kommen lässt. Zügel die ausschliesslich aus den Schultern gehalten werden, schwächen die Aufrichtung und Balance der Reiterin und übertragen diese in die Zügel.


Du trägst die Ellenbogen VOR der Senkrechten

Die Ellenbogen hinter der Senkrechten, deuten meist auf übermässiges „Nehmen“ und Kontrollieren hin was das Pferd eher frustriert, und in seiner Gehfreude entmutigt. Die Ellenbogen vor der Senkrechten unterstützen die „gebende“ Hand.




Was sind die Aufgaben und Einsatzmöglichkeiten der Reiterhand?


Eine geübte Reiterhand hat viel mehr Möglichkeiten als nur Annehmen, Nachgeben und Verwahren.

Im Folgenden einige Beispiele:



Die begleitende Hand

Die begleitende Hand steht an erster Stelle in der Ausbildung der/des „jungen“ Reiterin/Reiters als auch in der Ausbildung des jungen Pferdes. Sie ist das Fundament aller weiteren Einsatzmöglichkeiten der Reiterhand. Bevor Reiterin und Reiter lernen ihr Pferd durch weitere Facetten der Handeinwirkung zu beeinflussen, empfehle ich, erst die begleitende Hand zu erlernen. Also eine Hand, die das Pferdemaul in jeder beliebigen Kopfposition weich, verlässlich und ununterbrochen begleiten kann.


So eine Hand stiftet Vertrauen und ist ganz besonders bei jungen Pferden und Pferden die ein Kontakt- und Vertrauensproblem mit der Reiterhand erlernt haben, hilfreich. Hat das Pferd auf diese Weise das Vertrauen in die Hand (wieder) gefunden, wird Anlehnung und spätere Beizäumung auf natürliche Weise daraus entstehen.


Die führende Hand

Sie bildet von den Ellenbogen der Reiterin bis zu den Mundwinkeln ihres Pferdes eine Trichterform.

So wie ein Trichter Flüssigkeit sammeln und sie auf einen Punkt lenken kann, so kann der Zügeltrichter die Vorwärtsenergie des Pferdes die „von Hinten“ kommt, sammeln und nach Vorne zum Pferdemaul lenken. Der Zügeltrichter gibt der gesamten Vorhand auch Rahmen, Führung und Stabilität. Dorthin wo der Trichter ausgerichtet wird, dorthin bewegt sich das Pferd. Besonders bei der Jungremonte kommt die führende Hand zur Anwendung und ist dabei sehr hilfreich.



Die ausbalancierende Hand

Was für den Seiltänzer seine Stange, ist für das Pferd die ausbalancierende Hand. Die Reiterhand und ihre Zügelführung hat einen grossen Einfluss auf das Gleichgewicht des Pferdes. Sie ist in der Lage, Gewicht umzuverteilen was für das Gleichgewicht und das Geraderichten eine wichtige Rolle spielt. Je nach dem wo ich die Schulter des Pferdes durch den Zügeltrichter positioniere, verändert sich die Belastung der einen oder anderen Schulter. In der Ausbildung eines Pferdes ist die Schiefe, resp. das Geraderichten, ein faszinierendes, nie endendes Thema, und dabei kann die ausbalancierende Hand eine grosse Hilfe sein.



Die regulierende Hand

Das Annehmen, das Nachgeben und das Verwahren, gehören in dieses Kapitel. Diese drei Vorgänge haben, natürlich auch hier immer im Zusammenspiel mit Sitzzentrum, Bein und nun auch mit der Atmung, eine regulierende Wirkung auf die Vorwärtsenergie des Pferdes.


Die annehmende Hand assistiert dem Sitzzentrum dabei, Energie zu sammeln, sie im Pferd zu behalten und positive Spannung aufzubauen.

Die nachgebende Hand entlässt die gesammelte, oder auch versammelte, Energie in gewünschtem Masse, bis hin zum hingegebenen Zügel.

Die verwahrende (ruhende) Hand bietet dem Pferd Rahmen und lässt es zugleich frei darin. Sie überträgt dem Pferd die „Verantwortung“ für seine Selbsthaltung. Auch wenn die Hand zuweilen eine "ruhende Festigkeit" annehmen muss, ist ihre Grundfarbe immer Nachgiebigkeit.



Die formende Hand

Die formende Hand kann die Stellung im Genick und die Flexion des Halses auslösen. Auf feine Art angewandt, kann diese Vorgehensweise auf Unterkiefer, Genick, Hals und Schultern sehr lösend wirken. Indem die Hand nicht Richtung Bauch oder Leiste zurückgezogen oder eingerollt wird, sondern vom Wiederrist nach innen führt, kommt weniger Druck auf die Zunge, die Ganasche wird nicht gequetscht und somit hat das Pferd keinen Grund Wiederstand aufzubauen. Die äussere Hand begleitet und erlaubt dabei das Längerwerden der äusseren Halsseite.


In Verbindung mit dem Sitzzentrum und den Beinen hat die formende Hand auch grossen Einfluss auf die Hinterhand des Pferdes. Zum rechten Zeitpunkt eingesetzt, kann sie zu mehr Lastaufnahme eines oder beider Hinterbeine des Pferdes führen und so gezielt gymnastizierend Wirken.



Die aufrichtende Hand

Wenn du dich schon mit der französischen Reiterei auseinandergesetzt hast, weisst du, dass man den Widerrist, die Halsbasis und die Schulter über den Zügel anheben kann. Dies wiederum ermöglicht dem Pferd, das Becken abzukippen und die Hanken zu beugen.


Dieses Vorgehen sollte man jedoch nicht mit der „absoluten Aufrichtung“ verwechseln, welche einen Bruch zwischen Vor- und Hinterhand auslöst. Jedes aktive Aufrichten durch die Hand muss von Sitz und Bein unterstützt werden, denn diese bilden das Fundament für die aufrichtende Hand.

Was vorne angehoben wird, muss sich hinten senken!



Die treibende Hand

Wenn der Energiekreislauf, der das Pferd mühelos vorwärtsgehen lässt, aufgebaut ist und es an die Hand herantritt, kann der Zügel, wie zwei Besenstiele, ein kleinwenig nach vorne geschoben werden. Tritt das Pferd ehrlich und gerne an die Hand, will es diesen Kontakt aufrechterhalten und tritt dadurch dynamischer nach vorne.



Abschliessend:


Die „perfekte“ Hand ist wie das Auge des Zyklon:


Es herrscht absolute Stille!


Im Zentrum des Bewegungskreislaufes zwischen Pferd und Reiter, ist die Hand der ruhende Pol!

An ihr findet das Pferd Orientierung und Balance.

Ist der Energiekreislauf hergestellt, ordnet sich das Skelett des Pferdes neu und es findet eine Art Justierung im Pferdekörper statt.

Mehr Energie, mehr Schwung und mehr Leichtigkeit sind die Folge, denn:


Das Pferd hat sich selbst geradegerichtet!



Hat deine Handeinwirkung ihren Ursprung im Sitzzentrum, kann sie in Ruhe und Geschmeidigkeit handeln! Das Sitzzentrum ist der Dirigent, Hand und Bein seine Mitspieler.



Inspiration:


"Sitze gelassen, aufrecht und zentriert im Sattel.

Deine Leisten sind weit, deine Sitzbeinhöcker "eingestöpselt" und deine Beine lang, flach und leicht am Pferd.

Richte dich von deinem Beckengrund bis unter deine Schädeldecke (Krone) auf.

Deine Hände sind vor dir, als ob sie eine Kostbarkeit trügen.

Stelle nun eine Verbindung zwischen der "Kernkraft" in deinem Sitzzentrum und deiner Hand her und sei beidem bewusst.

Dies ist nun der Moment wo die Schultern loslassen können, weil dein Sitzzentrum die Zügelführung übernommen hat!"



 
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